Vor einigen Wochen habe ich das Buch "Bible Bad Ass" von Edith Löhle (sehr empfehlenswert) zu Ende gelesen. Dabei bin ich auf eine mir bisher unbekannte Übersetzung des Vaterunsers gestoßen, die mich zum Nachdenken gebracht hat. 


Vor zweitausend Jahren hat Jesus seine Jünger das Vaterunser gelehrt. Heute ist das Gebet ein zentrales Element des Christentums. Ursprünglich sprach Jesus das Gebet auf Aramäisch. Aramäisch war die Sprache, die Jesus und seine Zeitgenoss*innen täglich sprachen. Es ist faszinierend, dass dieses Gebet, das uns so vertraut ist, eine viel tiefere Bedeutung bekommt, wenn wir es in der Sprache betrachten, in der es ursprünglich gesprochen wurde. Die aramäische Sprache unterscheidet sich stark vom Griechischen, der Sprache, in der die Evangelien später niedergeschrieben wurden. Aramäische Wörter haben zum Beispiel oft mehrere Bedeutungen und können unterschiedlich interpretiert werden.

So kennen wir den Beginn des Vaterunsers mit den Worten "Vater unser im Himmel". Diese Anrede spiegelt unseren kulturellen Kontext wider, denn im griechischen und deutschen Text wird die männliche Vorstellung von Gott als „Vater“ betont. Im Aramäischen kann die Anrede mit dem Wort „Abba“ sowohl „Vater“ als auch „Quelle“ oder „Ursprung“ bedeuten. Diese Mehrdeutigkeit erlaubt es, die erste Zeile des Gebets so zu interpretieren, dass sie die beiden elterlichen Aspekte Gottes - den väterlichen und den mütterlichen - umfasst. Man könnte das Gebet aber auch mit "Quelle des Lebens" beginnen.

Diese feinen Unterschiede laden uns ein, über die Vielfalt unserer religiösen Tradition nachzudenken und die Worte Jesu in einem breiteren, inklusiveren Kontext zu verstehen.

Neil Douglas-Klotz über das aramäische Vaterunser

Der Religionswissenschaftler Neil Douglas-Klotz hat in seinen Büchern verschiedene Interpretationen des aramäischen Vaterunsers veröffentlicht. Diese Vielfalt an Interpretationen zeigt, wie tief und vielschichtig die Worte Jesu sind. 

(Wenn du das Gebet auf dem Handy liest, drehe am besten dein Bildschirm quer. Dadurch lässt sich der Text einfacher lesen.)

Die gängige Übersetzung des Vaterunsers

Das Jesusgebet nach Neil Douglas-Klotz

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich 

und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen. 

Vater-Mutter des Kosmos,

bündele dein Licht in uns – mache es nützlich: erschaffe dein Reich der Einheit jetzt.

Dein eines Verlangen wirkt dann in unserem wie in allem Licht, so in allen Formen.

Gewähre uns täglich, was wir an Brot und Einsicht brauchen.

Löse die Stränge der Fehler, die uns binden, wie wir loslassen, was uns bindet an die Schuld anderer.

Lass oberflächliche Dinge uns nicht irreführen, sondern befreie uns von dem, was uns zurückhält.

Aus dir kommt der allwirksame Wille, die lebendige Kraft zu handeln, das Lied, das alles verschönert und sich von Zeitalter zu Zeitalter erneuert.

Amen.

 

Ich persönlich habe das "Vaterunser", das ich eher "Jesusgebet" nennen möchte, viele Male gefühllos gebetet. Die Übersetzung von Neil Douglas-Klotz inspiriert mich, neu über das Gebet nachzudenken. Sie hilft mir auch, mit Aussagen umzugehen, die mich herausfordern, wie z.B. "Führe uns nicht in Versuchung".

Natürlich sind solche Interpretationen und Übersetzungen nicht als allgemeingültige Wahrheit zu verstehen. Für mich sind sie vielmehr Denkanstöße, um Gott besser zu verstehen. Ich wünsche mir, offen über die vielfältigen Bedeutungen unseres Glaubens und über verschiedene Anreden Gottes nachzudenken, ohne die traditionellen Ansichten zu ignorieren.

Alles Liebe, Mira  

07. Juli 2024 — Mira Weiss

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